Disability Studies in Deutschland

Projekt: Gouvernementalität im Hilfesystem – Eine machttheoretische Analyse der „Individuellen Hilfeplanung“

 

Projektname:

Gouvernementalität im Hilfesystem – Eine machttheoretische Analyse der „Individuellen Hilfeplanung“

Träger:

Leibniz Universität Hannover

Projektbeschreibung:Die Arbeit im Unterstützten Wohnen für Menschen mit einer (geistigen) Behinderung hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten in spektakulärer Weise verändert (Reorganisation von Komplexeinrichtungen, Zunahme von Assistenz und ambulanter Unterstützung). Ursachen dafür sind unter anderem Veränderungen der Finanzierungsstruktur (u. a. durch den Grundsatz ambulant vor stationär im SGB IX und durch prospektive Leistungsvereinbarungen), der Klientel (mehr Menschen mit sehr hohem Unterstützungsbedarf oder Menschen mit besonderen Schwierigkeiten im sozial-emotionalen Erleben und Verhalten, mehr Senioren mit einer geistigen Behinderung) und die sonderpädagogischen Diskurse um Leitprinzipien wie Normalisierung, Selbstbestimmung und Inklusion. Mit der Einführung des Arbeitsinstruments Individuelle Hilfeplanung in der Mehrzahl der Bundesländer finden diese Entwicklungen auf der Ebene der konkreten Unterstützung der einzelnen Person eine Umsetzung und Entsprechung. Von den pädagogischen Fachkräften wird mit der Einführung dieses Instruments in neuer Weise verlangt, ihre Aufgaben mit den Nutzern gemeinsam zu planen, zu organisieren und zu reflektieren.
Das geplante Promotionsvorhaben soll einen Beitrag zur Aufklärung dieses Verhältnisses von sozialrechtlichen Veränderungen, wissenschaftlicher Theoriebildung und Entwicklungen in der Praxis leisten, indem verschiedene Analyseperspektiven systematisch aufeinander bezogen werden. Die zentrale Bezugtheorie bildet dabei Foucaults Auseinandersetzung mit der Frage nach der Konstitution des Subjekts in modernen Gesellschaften durch Techniken der Führung und Selbstführung. Ausgangsthese ist, dass im Dispositiv Individuelle Hilfeplanung gouvernementale Regierungspraktiken erkennbar werden, die aufgrund institutionell-organisationaler Bedingungen Möglichkeitsräume für die professionelle Beziehung zwischen Mitarbeiter/-innen und Nutzer/-innen beschreiben und die zugleich durch diese Beziehungen gestaltet werden.
Dazu werden diskursive und nicht-diskursive Praktiken in verschiedenen Perspektiven in den Blick genommen: Durch die Analyse der Spezialdiskurse im wissenschaftlichen und sozialrechtlichen Kontext wird die Individuelle Hilfeplanung als ein strategisches Programm identifiziert, in dem Subjektvorstellungen über pädagogische Fachkräfte und Nutzer in einer neuen Weise thematisiert werden. In einem zweiten Fokus werden die mit dieser Thematisierung einhergehenden Technologien auf der Ebene der Vereinbarungen und Regelungsmechanismen zwischen Leistungs- und Einrichtungsträger in einer ausgewählten Region exemplarisch herausgearbeitet. Schließlich werden die diskursiven und nicht-diskursiven Praktiken der Individuellen Hilfeplanung in der Unterstützungsbeziehung zwischen pädagogischen Fachkräften und Nutzer/-innen in einer Wohneinrichtung durch die Analyse von Hilfeplänen und Interviews ermittelt und um fokussierte Beobachtungen im Unterstützungsalltag ergänzt.
In dem mehrteiligen Untersuchungsaufbau wird so das Dispositiv Individuelle Hilfeplanung als ein Geflecht von Denkweisen, Regierungstechnologien, strategischen Beziehungen und Praktiken dekonstruierbar. Vorarbeiten und der aktuelle Stand der Auseinandersetzung mit dem Dispositiv deuten darauf hin, dass die Individuelle Hilfeplanung als ein Geflecht von Mechanismen verstanden werden kann, mit dem bestimmte Subjektvorstellungen transportiert werden und welches in der Praxis eine enorme Durchschlagskraft und eine auffällige Brüchigkeit zugleich entfaltet. Es ist deshalb zu vermuten, dass die Veränderungen im Sinne Foucaults als ein kompliziertes Zugleich von Selbst- und Fremdbestimmung, von Techniken der Führung und Selbstführung gedacht werden muss.
Die geplante Arbeit soll es schließlich ermöglichen, die Individuelle Hilfeplanung als Ort sozialen Handelns kritisch zu thematisieren. Eine solche Kritik öffnet zum Einen den Blick für die Freiheit des Einzelnen in einem sozialen Raum, der durch Führungen und Selbstführungen strukturiert ist und zeigt zum Anderen Perspektiven für die Weiterentwicklung dieses Arbeitsfeldes auf.


E-Mail Adresse:
niediek@efh-darmstadt.de
Telefon:
06151/879888


Diese Information stammt von Imke Niediek (nichtbehindert), niediek@efh-darmstadt.de.



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